Die Zeit brach um.
Die Frauen gingen ihrer Wege.
Die Männer gingen ihrer Wege.
Selten hielt eine Frau ein Kind an der Hand.
Aber auch das Kind ging bald seines Weges.
Da geschah etwas Seltsames. Niemand weiß, wo genau und wie es anfing. Es schien in vielen großen und modernen und reichen Städten gleichzeitig anzufangen. Und es breitete sich so schnell aus. Überall nämlich begannen sich Vereinigungen zu bilden. Überall trafen sich einige Erste, stellten die Regeln auf, mieteten Säle an und schmückten diese aus. Die Feste sprachen sich herum. Viele wollten teilhaben. Zugelassen zur Vereinigung und eingelassen in den Saal wurde nur, wer sich dem strengen Regelwerk unterwarf. Und immer mehr wollten hinein, wollten in die Vereinigungen hinein. So viele mussten abgewiesen werden.
Nomda steht vor dem Spiegel und zieht die Bürste über ihr graues Haar. Die Frisur ist für sie das Schwierigste geworden. Alles an ihr ist alt und so bedarf alles der Sorgfalt und der Ausdauer. Noch einmal hat sie sich ein Festkleid gekauft. Fast wie in ihren jungen Jahren. Aber dann hatte ihr die Verkäuferin in der Umkleidekabine den Reißverschluss hochgezogen und den Kragen umgeschlagen. Die Finger der Frau waren so kalt gewesen. Da hatte es Nomda geschaudert. Als hätte sie im Nacken ein Eishauch angeweht. Dergleichen geschieht ihr immer häufiger. Nomda legt die Bürste aus der Hand. Pudert noch die Wangen. Und lässt ein Fahrmobil kommen.
Das Mobil kann sich geschwind durch die große und moderne und reiche Stadt bewegen. Es ist früher Abend. Und überall buntes manchmal grelles Licht. Nomda genießt es, in dem warmen Gehäuse zu sitzen und die Häuser und die Lichter vorbeiziehen zu lassen. Sie ist damals vor einem Jahr als eine der ersten in ihre Vereinigung eingetreten. Sie gehört dort zu den Alten. Alle drei Wochen wird geladen und es gilt als unschicklich nicht zu kommen. Wer mehrmals ausbleibt, wird gebeten, die Vereinigung wieder zu verlassen um jemandem von der langen Warteliste den Eintritt zu ermöglichen. Auch wenn Nomda nicht schlafen kann, lässt sie sich manchmal durch die Stadtnacht fahren. Dann um Mitternacht bittet sie den Fahrer keine Musik laufen zu lassen und zügig aber nicht zu schnell zu fahren. Und kein Gespräch mit ihr anzufangen. Dann sitzt sie tief im Rücksitz verborgen und blickt hinaus. Sie lässt sich die Prachtstraßen entlangfahren. Und lässt sich dann durch die Vorstädte fahren. Durch die noblen Vorstädte als auch durch die verrufenen Vorstädte. Und immer sitzt sie im warmen, manchmal sogar leicht überheizten Gehäuse und vernimmt kaum ein Geräusch. Das Fahrmobil ist ein leises Mobil. Und so gleiten sie dahin. Der Fahrer und sie. Und sie wird immer ruhiger wird schließlich schläfrig.
Auch jetzt sieht sie hinaus. Noch ist es nicht ganz stadtdunkel. Sie nähern sich dem Rand des Zentrums. Die Schnellstraße führt auf Stelzen über verlassenes Bahngelände. Um ein offenes Feuer lagern alte und junge Menschen mit ihren Hunden. Nomda sieht die Horde. Sie gestikulieren und lachen. Sie haben sich gelöst.
Dann sind sie da. Sind zuletzt in eine Straße mit hohen und sehr hohen Gebäuden eingebogen. Vor einer Lücke zwischen den Bauten haben sie angehalten. Die Vereinigung hatte damals nach ihrer Gründung versucht, auf diesem leeren Platz ein einfaches, ein flaches Gebäude errichten zu dürfen. Ein festes Haus wurde nicht genehmigt. Nun steht dort auf der kahlen Fläche ein großes, ein achteckiges Zelt. Bei kaltem Wetter lässt es sich beheizen. Und im Sommer kühlen
Nomda ist wie alle zur vereinbarten Zeit eingetroffen. Einige junge Männer gehen vor ihr her. Gehen wie Nomda auf einen langen schlauchartigen Gang zu. An seinem Anfang ist die Plane auf beiden Seiten zurückgeschlagen. An seinem Ende führt dieser Tunnel zum eigentlichen Zelteingang.
Als Nomda das Zelt zum ersten Mal gesehen hatte, war sie enttäuscht gewesen. Sie hatte einen hohen Saal hinter einer altertümelnden Fassade erwartet. Und dann hatten sie damals alle in dem dünnwandigen Gang warten müssen. Hatten warten müssen bis sie einzeln in das Zelt gerufen wurden. Das gehört zum Regelwerk. Das Schweigen und Verharren so eng beieinander. Und dann das Aufgerufen Werden. Und so also treffen sie auch an diesem Abend zuerst in dem langen Gang aufeinander.
Die Männer und die Frauen begrüßen sich mit einem Kopfnicken. Nur wenige wagen zu tuscheln. Die Männer halten sich gerade. Kleider rascheln. Die Frauen tragen Langes. Einige holen einen Fächer heraus.
Dann pünktlich wird die Plane des Zelteingangs zurückgeschlagen. Zuerst werden die Damen eintreten. So wie es das Regelwerk verlangt. Drinnen ist es angenehm warm. Vor den Zeltwänden hängen blaue Stoffbahnen. Das schwere Tuch formt sich zu regelmäßigen Rippen. Tische und Stühle mit hohen mit rotem Samt bezogenen Lehnen stehen vor diesen Wänden. Die Zeltmitte ist leer und kreisförmig und nimmt die Hälfte des Zeltinneren ein. Der Boden ist fest ist mit bunten Mosaiksteinchen ausgelegt. Das Mosaik zeigt einen achteckigen Stern. Ein Mann mit weißen Handschuhen mit langen dunkelroten Rockschößen steht in der Sternenmitte. Er schlägt einen hohen Stab dreimal auf den Boden und ruft den Namen einer ersten Dame aus. Diese Dame tritt ein. Die Reihenfolge der Damen ist dabei stets eine andere. Nacheinander treten also alle Damen ein und stellen sich schweigend in zwei Reihen auf. Über ihnen flimmert ein Himmel blauer Lämpchen. In der Luft hängt Zedernduft. Und ein kleines Orchester spielt.
Nomda steht heute am Ende einer der Reihen. Ihr Blick wandert über die Frauen. Sie kennen sich mittlerweile. Aus ihrer Vereinigung ist bisher noch niemand ausgetreten und so sieht sie auch heute keine Fremde.
Neben ihr steht eine ganz junge Frau. Das blonde Haar hochgesteckt. Ihr schmales Gesicht ist Nomda schon am allerersten Abend aufgefallen. Damals war sie sehr unruhig gewesen. Damals lag Anspannung über den hohen Wangenknochen. Und um die Mundwinkel hatte es gezuckt. Beim zweiten Treffen dann hatte Nomda die junge Frau angesprochen. Sie standen an jenem Abend gegen Mitternacht in dem langen Gang. Standen nebeneinander und warteten auf die bestellten Fahrmobile.
Sagen Sie bitte. Sprach Nomda damals die junge Frau an. Sagen Sie bitte. Es wollen so viele junge Menschen in die Vereinigungen hinein.
Ja natürlich. Hatte die junge blonde Frau hastig und fast unwirsch geantwortet. Nomda hatte sie weiter angeschaut. Und auf eine Erklärung gewartet. Und vielleicht da das Fahrmobil noch nicht da war begann die Frau zu sprechen.
Natürlich wollen vor allem wir jungen Leute hinein. Wir sind im freien Fall. Und sind so unfrei. Dies hier ist uns ein Labsal.
Hören Sie. Hatte die Frau weiter gesprochen und hatte Nomda dabei am Oberarm berührt. Hatte dann aber einen kleinen Schritt zurück gemacht. Hören Sie. Einmal kam ich in die Wohnung eines Mannes. Ich kannte den Mann schon lange. Er arbeitete viel. Er war erfolgreich. Er war gutaussehend. Er öffnete mir also die Tür zu seiner Wohnung. Und ein Geruch ein starker ein ganz unangenehmer Geruch kam mir entgegen. Ich zögerte die Schwelle zu übertreten. Er muss es bemerkt haben. Sogleich schien er mich hineinziehen zu wollen. Also trat ich ein. Ich kannte ihn als zuverlässig und solide. Er zeigte mir seine Zimmer. Alle Räume waren ganz und gar schwarz gestrichen. Sogar die Böden und Decken. Ich halte ein Nachttier. Sagte er zu mir. Und öffnete eine nächste Tür. Er reichte mir ein Taschentuch. Ich hielt es mir vor die Nase. Ein Netz reichte vom Boden zur Decke. Hinter dem Netz hockte ein großer Raubvogel, hockte dort auf einem grünen Gummistumpf. Eine Schleiereule. Sagte der Mann. Ein weises Tier. Vor dem Käfig stand ein Behälter. Der Mann hob den Deckel hoch und griff hinein. Es quiekte. Der Mann öffnete das Netz und schmiss die Maus hinein. Sofort stürzte sich die Eule auf die Maus zerquetschte sie und schlang sie hinunter. Der Käfigboden war mit Gewölle mit Mäuseknöchlein bedeckt. Manchmal sitze ich hier. Sagte der Mann und deutete auf einen Hocker. Dann bin ich ihr ganz nah. Dann warte ich. Dann geht ihre Weisheit auf mich über.
Sie wissen. Sagte die junge Frau zu Nomda. Sie wissen. Mit jedem Frühling wächst die Totenstille.
Und Nomda dachte an die Nestbewohner. Die die mit jedem Frühling an den verdreckten Kanälen zu leben beginnen. Die die sich aus Brettern und Plastiktüten große Nester bauen. Auf denen sie hocken. Auf denen sie Tag für Tag hocken und essen und schlafen. Manche sitzen Stunde um Stunde mit geschlossenen Augen. Manchmal kommen Tauben und setzen sich auf einen Nestrand und gurren.
Und Nomda dachte an die Sammler. Die Brombeersammler. Die auf dem Schutt der aufgegebenen der von Planierraupen niedergerissenen Wohngebäude ihre Sträucher pflanzen. Im Sommer steigen sie nacktfüßig über die stacheligen Ranken. Überall verteilt sind mittlerweile ihre Felder. Und sie wandern von einem Brombeergestrüpp zum nächsten. Wandern auf verhornten Sohlen von einem Stadtteil in den nächsten. Sie ernähren sich den Sommer und Herbst über nur von Beeren. Pflücken sie und stopfen sie sich sogleich in den Mund. Ohne auf Maden zu achten.
Deshalb. Verstehen Sie. Sagte die junge Frau und blickte Nomda eindringlich an. Deshalb sind die Vereinigungen ein Labsal für uns. Deshalb wollen wir Jungen hinein.
Und sie verließ den Gang.
Die Herren betreten den Saal. Auch sie werden einzeln aufgerufen. Der erste eingetretene Mann ist jung wie fast alle Männer jung sind. Sein schwarzer Anzug ist neu. Seine Schuhe glänzen. Und dann steht er vor der jungen Frau neben Nomda. Und Nomda sieht wie er schluckt wie er sich fast mehr bückt als beugt und wie die junge Frau ihm ihre rechte Hand entgegenstreckt und wie er ungeschickt nach der Hand greift und die Hand ein wenig überhastet zu sich herzieht und den Kopf darüber beugt und die Lippen spitzt und dann den Handkuss haucht und dabei zu ihr hochblickt. Rot und fleckig wird sie da am nackten Hals und im Gesicht und hält die Lider gesenkt.
Schon muss er weitergehen. Und steht nun vor Nomda.
Seitdem Nomda zu den Vereinigungen geht pflegt sie ihre Hände ganz besonders. Heute sind sie mit Rosenwasser benetzt und Nomda hat einen einfachen flachen Ring gewählt. Als sie jetzt dem jungen Mann ihre Hand hinhält weiß sie um deren Falten und Runzeln und Flecken.
Der junge Mann beugt sich vor Nomda. Nimmt ihre Hand. Deutet den Kuss an richtet sich wieder auf blickt Nomda kurz und ernst an und geht zur nächsten Dame.
Nomda erwartet Seedo. Sein Name wird als einer der letzten aufgerufen. Er betritt das Zeltinnere. Er ist ein schöner älterer Herr. Nomda kannte ihn vorher nicht. Und bisher haben sie sich nur alle drei Wochen auf den Vereinigungen getroffen. Und sind dann im Gespräch. Jedes Mal haben sie sich über das Dargebotene ausgetauscht stimmten überein und stimmten nicht überein. Auf die Begrüßung folgen drei Tänze. Und dann beginnen die Aufführungen der Künste. Es werden die lang vernachlässigten die fast schon ausgestorbenen Künste gezeigt. Und auch hier sind es vor allem die jungen Künstler die danach drängen auftreten zu dürfen. Am letzten Abend standen in der Mosaikmitte zwei Schauspieler. Ein Mann und eine Frau. Wie immer vor einer Darbietung herrschte eine gespannte eine fast angespannte Stille. Die Schauspieler spielten ein Zweipersonenstück. Seedo und Nomda sahen die weiß geschminkten Gesichter. Sahen die dicke Schicht Puder. Sahen wie sich der Puder alsbald mit dem Schweiß auf der Stirn auf der Nase vermischte. Sahen die Körpernässe die Hemden dunkel färben. Sahen die Feuchte am Rücken und unter den Achseln. Meinten sie sogar riechen zu können. Sahen blaue Flecke auf den Schenkeln der Frau wenn der Rock hochflog. Sahen die Brustkörbe sich heben und senken beim Rufen und Schreien. Hörten das Keuchen zwischen den Sätzen.
Und einmal war eine Sängerin dagewesen. Sie war schon alt gewesen und sie war wie alle Künstler ohne Mikrofon aufgetreten. Und danach hatte sie Nomda und Seedo erzählt wie sie unter großen Ängsten wieder hatte lernen müssen ihre Stimme zu hören. Ihre pure Stimme. Ihre alleinige Stimme. Sie hätte in ihrer Wohnung geübt und zuerst sei nur ein Krächzen herausgekommen. Und sie habe lange ein und aus und wieder ein und aus atmen müssen bis sie sich traute Laute und dann sogar Töne zu formen. Sie hatte vergessen wie wuchtig ihre Stimme sein konnte. Wie gewaltig und tief. Sie schien ihr von allen vier Wänden widerzuhallen. Sie musste sich von ihrer Stimme tragen lassen. Denn nackt und kahl seien die Töne zu ihr zurückgekommen. Und nackt und kahl seien sie auch geblieben. Und wunderschön geworden. Ihre Stimme drang durch die Wände drang durch Fenster und Türen. Drang hinaus drang in andere Wohnungen hinein und drang ins Freie. Und bestimmt hörten sie einige. Und ihre Stimme schien ihr so ungeschützt. Ja. Ja. Lachte sie zum Schluss. So alt musste ich werden um die Wucht meiner Stimme vor mir und den anderen auszuhalten.
Und dann steht Seedo vor Nomda. Es blitzt aus blassblauen Augen. Als luge dahinter ein eigenes Glück.
Nomda streckt ihm ihre rechte Hand entgegen und er nimmt sie und blickt sie dabei an und beugt sich langsam und blickt dabei zu ihr hoch und senkt erst im letzten Augenblick die Lider und das erste Mal drückt er seinen Mund auf ihren Handrücken. Und Nomda spürt wie die Feuchte und die Wärme seiner Lippen zum ersten Mal ihre Haut berühren. Langsam nimmt er die Verbeugung zurück. Hält aber noch ihre Hand fest und sagt als er wieder ganz aufrecht steht und immer noch ihre Hand hält. Ich freue mich so sehr. Da deutet Nomda ein Kopfnicken an und sieht ihn an und sagt. Die Freude ist ganz meinerseits.