Heinz Kischkel zu 'Ein Garten offenbart sich'

 

Ein Gartenbuch? – Viel mehr!

Wenn sich „ein Garten offenbart“, so kommt dabei, möchte man meinen, ein Gartenbuch heraus. Doch weit gefehlt! Weit unterschätzt! Hier spricht die Weisheit der Natur und Katrin de Vries hat ihr, gottlob, sehr aufmerksam zugehört. Daher wird jede und jeder ihr Buch mit großem Gewinn lesen.

Das gemeine Gartenbuch vermittelt „Gartenwissen“. Wissen ist Macht. Hier: Macht über Schädlinge und Unkräuter. Auf dass der Gärtner Herr sei über die Feinde in seinem Garten.

Auch Katrin de Vries hatte sich zunächst mit einer ähnlichen Einstellung ihrem frisch geerbten Garten genähert. Doch als sie derart als jätende Herrin über die vermeintlichen Unkräuter nicht glücklich wurde, wählte sie auf Anraten ihrer Söhne einen anderen Weg.

 

Demut statt Sense

Sie hörte ihrem Garten zu! Sie näherte sich den Bäumen und Blumen nicht mit Säge und Sense, sondern mit Demut. Es gehört zu den wertvollsten Botschaften ihres Buches, dass rechtes Wissen nicht zu mehr Macht, sondern zu mehr Rücksicht führt. Und plötzlich hatte sie keine Feinde mehr in ihrem Garten!

Demut bedeutet, dass der Mensch sich nicht als Willkürherrscher aufführt, sondern als Teil eines lebendigen Ganzen erfährt. Mit den Worten der Autorin: „Mein einzelner kleiner Menschengeist nimmt sich ein bisschen zurück, übt sich ein wenig in Demut … Und doch bin ich, umhergehend und beobachtend, mittendrin in diesem strotzenden Dasein. Ich begreife mich für Momente als Teil eines Lebendigen Ganzen.“ (S. 79)

 

Theorie und Praxis

Allein aus der praktischen Erfahrung im Umgang mit dem vielfältigen Miteinander aller Gartenbewohner entwickelt de Vries eine kluge Lebensphilosophie, welche die vom biblischen Schöpfungsauftrag abgeleitete abendländische Grundeinstellung: Macht euch die Erde untertan, überwindet.

Ihre Erkenntnisse ähneln frappant sowohl der indigenen wie der daoistischen Philosophie. Dass sie ihre Einsichten aber nicht dort eingesammelt und abgeschrieben, sondern in täglicher Gartenpraxis selbst gewonnen hat, macht die besondere Überzeugungskraft ihres Buches aus.

 

 Indigene Resonanzen

 „Teil des Lebendigen Ganzen“ zu sein, bedeutet aus indigener  Perspektive zu begreifen, dass der Mensch sein gesamtes Dasein der Natur verdankt. Aus dieser geschenkten Daseinsfülle erwächst die Vorstellung, der Mensch habe der Natur etwas zurückzugeben. Katrin de Vries macht die gleiche Erfahrung: Ich hatte den Boden „wie ein unerschöpfliches Reservoir behandelt, ich pflanzte immer wieder ein, es wuchs, ich holte es heraus. Ich gab aber nichts. Ich gab dem Boden nichts zurück.“ (S. 99)

Für die indigene Denkweise ist das Erfordernis eines wechselseitigen Gebens und Nehmens fundamental. Und wohl gemerkt: das ist kein Nützlichkeitsdenken, kein Kalkül, „weil es am Ende dem Menschen selbst am meisten nützt“, sondern eine moralische Verpflichtung gegenüber der Natur.

 

Daoistische Resonanzen

„Teil des Lebendigen Ganzen“ zu sein, bedeutet aus daoistischer Perspektive, dass der Mensch lernt, nicht gegen, sondern mit den Absichten der Natur zu agieren. Dieses, oft fälschlich mit „Nichtstun“ übersetzte Prinzip heißt chinesisch „wu wei“. Der Zugang zu dieser Erkenntnis heißt Absichtslosigkeit. De Vries: „Ich nehme die Bäume und Büsche mittlerweile absichtslos wahr, mein Blick verschließt sich nicht mehr, ich schaue nicht mehr an ihnen vorbei oder gar nicht erst hin. Sie werden mir mehr und mehr zu einem Gegenüber.“ (S. 146)

Daraus erwächst jene Fähigkeit, von der Laozi sagt: Der Weise tut nicht, und dennoch bleibt nichts ungetan. De Vries zitiert ihren Sohn mit den Worten:

„‚Das bedeutet, dass du als Mensch ebenfalls zu dem Lebendigen Ganzen gehörst, du stehst nicht abseits oder über der Natur. Weil du dazugehörst, darfst du auch manchmal eingreifen. Es geht nicht darum, gar nichts mehr zu machen. Als Mensch musst du sogar manchmal eingreifen, aber du musst begreifen lernen, wo du das tun darfst und wo du das nicht tun darfst.“ (S. 64)

 

Zu guter Letzt

Das sind nur einige wenige der vielen bedenkenswerten Erkenntnisse, welche der Garten seiner Autorin offenbart hat.

Und diese hat uns ihre Einsichten in einer angenehmen, einfachen und klaren, dabei abwechslungsreichen Sprache mitgeteilt.

Man lasse sich von der vermeintlichen Schlichtheit nicht täuschen: viele Themen werden kontrastiv oder paradox aufgegriffen und dem Leser zum eigenständigen Nachdenken aufgegeben. Außerdem bleibt die Autorin auf sehr sympathische Weise bis zum Schluss im Fragemodus. Sie lernt fortwährend, sowohl im Dialog mit ihren Söhnen als auch von der Entwicklung im Garten, und gerät nie ins Belehrende oder gar in einen Öko-Dogmatismus. Der hervorragend lesbare Stil gehört für mich zu den weiteren Stärken dieses sehr lesenswerten Buches.