Der Schatz

 

 

 

Wieder war es die fünfte Vollmondnacht des Jahres. Wieder hatten wir uns in der großen und modernen Stadt zusammengefunden. Wieder war die oberste Ebene des so noblen so hohen Baus gemietet worden. Wieder saßen wir um den Tisch.

Um Mitternacht legten wir die Hände auf die Tischplatte und spreizten unsere Finger in den gleichen Handschuhen aus dem gleichen dünnen roten Leder. Wir sprachen die Formel dieses Jahres. Da geschah es zum ersten Mal. Die Tür öffnete sich. Ein Mann trat ein. Ein Mann in einem dunklen Dieneranzug trat ein blieb an der Tür stehen nahm seine Mütze vom Kopf und verbeugte sich. Dann sprach er. Er sprach zu uns wie es seinem Dienst entsprach. Folgen Sie mir. Folgen Sie mir bitte nach. In der heutigen Nacht sollen Sie den Schatz heben. Und er verbeugte sich ein weiteres Mal und ging wieder hinaus.

Die Frau in der blauen Robe ist die Älteste von uns. Sie die Älteste eröffnet und schließt unsere Sitzungen. Nun erhob sie sich. So erhoben auch wir uns. Die Älteste folgte dem Mann und also folgten wir der Ältesten. Zum ersten Mal verließen wir die oberste Ebene ohne dass unsere Gemeinschaft aufgehoben war. Draußen stand ein langgestrecktes weißes Fahrmobil. Alle Türen standen offen.

 

Wie immer sind wir sieben Frauen und sechs Männer. Schweigend sitzen wir nun in den Polstern und blicken hinaus. Das Fahrzeug durchquert die ganze Stadt. Auch in der Nacht sehen wir auf welche Weisen in ihr gelebt wird. Über eine Schnellstraße erreichen wir das freie Land. Unser Mobil hält ein mittleres Tempo. Ich weiß nicht in welche Richtung wir fahren.

Mir gegenüber sitzt die Älteste. Ihre Robe wirft Falten auf dem Fahrzeugboden. Ihr Hut rührt an die Wölbung des Fonds. Ihre Hände beschweren die Handtasche auf ihrem Schoß. Das Gesicht der Ältesten ist ohne Regung. So wie wir es aus den Jahren kennen. Das Licht überholender Fahrmobile geht über ihre unbewegten Züge. Auch ich bin nicht unruhig. Ich betrachte die anderen. Wir wissen nichts voneinander. Wir reden nicht miteinander. Jede und jeder sieht jetzt einem eigenen Schatz entgegen.

 

Das Fahrzeug verlässt die Schnellstraße. Rechts und links der zweispurigen Bahn ist die Landschaft kahl und zum ersten Mal nur noch nachthell. Wir erreichen eine gewaltige Anlage. Hier in der Leere hier auf diesem Gelände wird geforscht und entwickelt und vernichtet. Zügig passieren wir mehrere Schranken. Der volle Mond bescheint das Ziel unserer Fahrt. Es ist ein flacher Aluminiumbau.

 

Wir werden empfangen. Große rosafarbene Kacheln reflektieren das warme Licht der Vorhalle. Musik durchströmt sie. Unsere Älteste geht geradewegs einer einzigen Gestalt entgegen. Auch das Wesen gerät in Bewegung. Über schmalen Schultern pendelt ein großer Kopf. Vor dem Rumpf hüpft ein kugeliges Bäuchlein. Ein gelber Hosenanzug lässt den langen Gliedmaßen Raum.

 

Folgen Sie mir. So spricht es mit klarer heller Stimme. Ich bringe Sie zu Ihrem Schatz.

 

 

 

Ein rampenartiger Gang führt nach unten. Drei Personen können nebeneinander gehen. Streckte einer den Arm nach oben so würde er die Decke berühren. Die Älteste geht vorneweg. Hinter ihr gehen die Frauen. Die Köpfe gesenkt. Mit unruhigen Blicken folgen wir Männer. Wir alle sind zusammengerückt. Ich sehe wie dicht und fest das blonde Haar des Wesens vor uns ist. Wie ein Pelz bewegt es sich über dem niederen Kragen der Jacke.

 

 

 

Das Ende des Ganges ist erreicht. Vor einem breitem Vorhang erweitert er sich trichterförmig.

 

 

 

Das Wesen dreht sich zu uns um. Dabei hält es die beiden Hälften des Vorhangs einen Spalt auseinander. Wir dreizehn haben aufgeschlossen. Kleine graue Augen scheinen auf jede und auf jeden gerichtet. Das Antlitz vor uns ist fast weiß. Und fast ohne Falten. Der Haaransatz der Stirn geht über in einen hellen Flaum der das ganze Gesicht gleichmäßig bedeckt.

 

 

 

Es spricht. Gleich können Sie hinter den Vorhang gehen. Dahinter verbirgt sich Ihr Schatz. So spricht es weiter. Aber. Und jetzt lässt es den Blick über die Gruppe der Frauen gleiten. Aber. Nur eine von Ihnen darf den Schatz heben. Und nun gehen Sie alle hinein.

 

 

 

Es öffnet den Vorhang. Unsere Älteste duckt sich als erste unter den gelben Ärmel. Wir folgen ihr einzeln. Ich bücke mich als letzter und sehe wie verschlissen der Brokat des Vorhangs ist.

 

 

 

 

 

 

 

Drinnen war alles Licht auf einen wuchtigen Tisch gerichtet. In seinen Marmor waren die Zeichen unseres Wohlhabens geschnitten. Ein feingerippter Überwurf tannengrün und gummiartig bedeckte etwas Schmales etwas Ovales. Wir standen da und wussten nichts zu sagen. Das Wesen legte seine blondbeflaumte Hand auf die Plane. Ich werde jetzt den Schatz enthüllen. Hörten wir es leise sagen. Heben Sie den Schatz. Er ist der Ihrige. Und. Hüten Sie ihn gut.

 

 

 

Wir alle die Älteste die Frauen und wir Männer kamen nah heran ihn zu sehen. Vor uns stand ein Korb aus Schilf. Und darin lag es in aller Pracht. Bis auf das Gesichtchen ganz umhüllt. In weiße Linnenbänder stramm gewickelt. Ein neu Geborenes. Die Augen geschlossen. Im Schlaf lächelnd. Versunken.

 

 

 

Die Älteste blickte von einer Frau zur anderen. Eine zuckte mit den Achseln. Andere wichen dem Blick aus. Keine trat vor.

 

 

 

Da schob die Älteste ihre Handtasche in die Armbeuge beugte sich über den Korb und behutsam und vorsichtig und mit zuckender Mimik hob sie ihn hoch. Sie hob den Schatz. Sie die Älteste hob den Schatz.

 

 

 

Draußen begann es zu dämmern. Wir fuhren zurück.

 

 

 

Der Schatz ist gehoben.

 

 

 

Wer vermag den Schatz zu hüten.